In diesem Text möchte ich von einem Epos sprechen, dessen Schilderung eine Pflicht der Dankbarkeit ist und das sich doch nur schwer in Worte fassen lässt. Aber ist es überhaupt möglich, eine bedeutende Bewegung der Erneuerung, deren Keime, Sprossen und junge Bäume sich über die ganze Welt ausgebreitet haben, im Rahmen eines Artikels dieser Länge zu beschreiben? Ich glaube es kaum … Was ich darüber weiß, beruht auf dem, was ich in Videos gesehen habe; Zeugnis ablegen kann ich nur von dem, was ich gehört habe. Meine Feder bleibt hinter meiner Vorstellungskraft zurück, und welche Bedeutung all das Geschehene einmal haben wird, kann vielleicht erst die Zukunft zeigen. Sagt ihr mir also, was sich unter diesen Umständen erzählen lässt. Was ich zu diesem Thema beitragen kann, gleicht wohl dem Versuch, anhand des Bildes einer einzigen Rose oder Blume von allen Rosen und Blumen zu sprechen. Man würde versuchen, in der unbelebten Abbildung einer Rose einen ganzen Rosengarten und ein Blumenmeer darzustellen – und jede einzelne Blüte mit ihrem besonderen Muster, ihrem eigenen Ausdruck und ihrer eindrucksvollen Erscheinung. Dass sich ein solcher Garten auf diese Weise nicht wirklich erfassen lässt, liegt auf der Hand. Dennoch bin ich überzeugt, dass es diesen Versuch braucht, um Menschen mit Herz und Feder dazu anzuregen, über dieses Ereignis unserer Zeit zu schreiben. Wenn diese unvollkommene Darstellung einige engagierte Menschen dazu bringt, „Im Namen Gottes, packen wir es an“ zu sagen, dann hat sie ihren Zweck erfüllt.
Diese bedeutende Entwicklung unserer Zeit muss also erzählt werden, wie unzulänglich Ausdruck und Stil auch sein mögen. Sie muss erzählt werden, um sie zunächst einmal für die Geschichte festzuhalten und um den Menschen, die dieses Werk mit Hingabe verwirklicht haben, unsere Dankbarkeit zu erweisen. Denn würden wir nicht von dieser sanften Brise sprechen, die in so kurzer Zeit in allen Teilen der Welt zu spüren war, von dieser Wärme, diesem frischen Gedanken und den Lüften der Liebe und Toleranz, so würden wir auch Werten wie Treue, Großherzigkeit und Selbstlosigkeit nicht gerecht.
Diese Bewegung verdient es, beschrieben und ernsthaft betrachtet zu werden. Einige Dutzend Menschen, deren Herzen für eine große Sache brannten, brachen in einer Zeit, in der kaum jemand an ein solches Vorhaben dachte, in alle Himmelsrichtungen auf. Sie ließen sich weder von Heimweh noch von der Vorstellung der Fremde aufhalten. Ihr Ziel war Gottes Wohlgefallen. Entschlossen und voller Vertrauen stellten sie ihre Sehnsucht nach Heimat und die Liebe zu ihrem Land in den Dienst ihres Ideals. Ihre Anstrengung auf Gottes Weg empfanden und durchlebten sie mit einer Tiefe, die nur wenige nachempfinden können. Wie die Gefährten der Propheten sagten sie mit den Worten Nigârîs: „Wir haben den Weg der Liebe betreten, wir sind von ihr ergriffen …“, und zogen nach Westen und Osten.
Sie waren in einem Alter, in dem die Wünsche und Hoffnungen der Jugend eine unwiderstehliche Anziehungskraft besitzen und körperliche Bedürfnisse das Denken und Fühlen leicht überlagern können. Doch mitten in diesen hoffnungsvollen Jahren zog es sie, von einer anderen Sehnsucht getragen, beinahe fliegend in alle Richtungen. In ihren Herzen lebte die Begeisterung derer, die von Anfang an dabei waren. Ihr Aufbruch glich nicht dem Weg unerfahrener Verliebter, die einem trügerischen Traum nachjagen, ihr Leben lang Luftschlösser bauen, Trennungsschmerz erfahren, sich selbst verlieren und ihr Ziel doch niemals erreichen. Dieser Aufbruch kam aus dem Herzen. Er gründete auf Gefühl, Bewusstsein und Willen, auf Aufrichtigkeit und innerer Wahrhaftigkeit.
Man könnte auch sagen: Es war ein Aufbruch, getragen von den Kräften des Glaubens, von Liebe und Begeisterung, von einem Ideal der Hingabe und von der Führung durch das Ewige Licht. Es war das Bemühen von Menschen, die persönliche Wünsche hinter sich gelassen hatten, der Welt von ihrem Anliegen zu erzählen. Weder blieben sie bei sich selbst stehen, noch gaben sie vor den Hindernissen auf, die sich ihnen in den Weg stellten. Mit einer Liebe im Herzen, die nicht verblasste – dem Streben nach Gottes Wohlgefallen und nach der Nähe zu Ihm –, gingen sie bis in die entlegensten Winkel der Erde. Sie gingen, und die Wege durften sich ihrer rühmen; die geistigen Wesen freuten sich, während die Teufel sich grämten … Sie gingen ohne Pferde und Wagen, ohne Waffen und Munition. Ihre Kraft schöpften sie aus dem Glauben und der Begeisterung, die in ihren Herzen wie Magma brodelten. Vor Augen hatten sie das Glück der Menschheit und Gottes Wohlgefallen. In ihrem Glück ähnelten sie den Gefährten der Propheten und den Aposteln; durch ihre Lauterkeit und Reinheit kamen sie den geistigen Wesen nahe. Schon nach Anbruch der Morgendämmerung wurden sie selbst zu einem Stoff für Erzählungen und zu einer Erinnerung, die nicht verblasst.
Wohin sie auch gelangten, trugen sie Licht aus der Ewigkeit. Überall entzündeten sie Feuerstellen, deren Flammen, Glut und Rauch Geborgenheit verbreiteten. Der Bann von Unterdrückung und Finsternis begann zu brechen. Die Fledermäuse des Unglaubens verloren ihren Schlaf, und die Dunkelheit begann unaufhörlich zu murren. Lüge, Verleumdung und Verdrehung wurden erneut geschürt. Grobes Denken und Fanatismus griffen um sich; gegen freie Gedanken ging man mit Gewalt vor, und dem Glauben wurden tödliche Fallen gestellt. Doch all diese Bemühungen waren vergeblich. Das Licht hatte sich bereits ausgebreitet; Strahlen aus der Ewigkeit erreichten die Welt. Nun war die Zeit der hellen Seelen gekommen. Zwar lag noch Staub in der Luft, und die Horizonte waren neblig. Doch der Bann der Dunkelheit und des groben Denkens war gebrochen.
Nun hatten die hellen Seelen das Wort. Durch sie sollte die Menschheit sich selbst neu entdecken und ihren wahren Platz in der Ordnung des Seins finden. Auf diese Menschen hatte man gewartet. Wohin sie auch gingen, begegneten die Menschen ihnen mit Erwartung. Sie selbst verharrten in Demut: aus Ehrfurcht vor Gott und Respekt vor den Menschen gleichsam tief verneigt, den Blick auf die Tür der unendlichen Barmherzigkeit gerichtet, warteten sie auf den Augenblick, in dem ein Regen von Licht hervorbrechen würde. Wie die Menschen von heute sie auch beurteilen mögen: Sie waren Kinder der Zukunft, und eine lichte Zukunft trug ihre Geheimnisse bereits in sich. Jeder dieser gesegneten Menschen war auf seine Weise ein Bote der Erneuerung. In ihren Händen hielten sie Blumensträuße der Freundschaft, auf ihren Lippen Lieder der Geschwisterlichkeit. Ihre Worte, schärfer als die schärfsten Schwerter, schöpften ihre Kraft aus dem Quell des Korans und wiesen über diese Welt hinaus. Sie durchbrachen die Finsternis, ohne jemanden zu verletzen; sie klangen in den Ohren wie das Rauschen des himmlischen Kevser, ohne bei jemandem Sehnsucht oder Schmerz zu hinterlassen.
Eigentlich brauchten diese Menschen weder ihre Hände noch ihre Worte. Wo immer man ihre reinen, leuchtenden Gesichter sah, erinnerten sie an Gott. Was ihre Haltung ausstrahlte, war so eindrucksvoll, dass die Sprache davor verstummte und die Zungen in stiller Betrachtung innehielten. Nicht nur ihr Licht, selbst ihr Schatten zog Menschen an wie Motten die Flamme; wer in ihre Nähe kam, wurde von ihrem Glanz geblendet. Wir sagen: „Was vermögen Worte neben einer gelebten Haltung? Wenn das Vorbild spricht, bedarf es dann noch einer Predigt?“ Das ist wahr. Sie verkörperten diese Wahrheit. Zu allen Zeiten gab es viele gute Menschen auf Erden; doch die Art und Weise dieser Letzten war etwas Besonderes. Ich kann nicht behaupten, sie hätten ihresgleichen nicht. Würde man mich aber bitten, ein vergleichbares Beispiel zu nennen, fiele mir keines sofort ein. Vielleicht würde ich nur sagen: „Sie ähneln geistigen Wesen.“
Wem auch immer wir diese hellen Seelen gleichstellen mögen: Durch das Licht, das sie verbreiteten, wurden dürre Wüsten zu Gärten wie Iram. Viele Seelen, die Kohle glichen, verwandelten sich in Diamanten; Menschen mit einer Natur wie Stein und Erde erhoben sich gleichsam zu Gold und Silber. Mit gutem Grund spricht man heute vielerorts von ihnen und wartet auf die Tage, an denen die Liebe, Geschwisterlichkeit und Toleranz Wirklichkeit werden, die sie in Aussicht stellen. Nur jene, die Licht und Finsternis miteinander verwechseln und ihr Leben im Gefängnis körperlicher Begierden verbringen, reden gegen sie. Fledermäuse fühlen sich von ihnen gestört, Wölfe und Schakale fletschen die Zähne, und manche geraten ihretwegen in Unruhe. Ich halte all das in gewisser Weise für natürlich und sage: „Jeder handelt seinem Wesen entsprechend.“
Was auch geschieht: Während hier und dort viele Menschen Kerzen auslöschen, erhellen sie überall, wohin sie kommen, Herzen, die sich nach Licht sehnen, mit einem Licht aus der Ewigkeit. Sie machen aufrichtige Menschen auf das aufmerksam, was hinter den sichtbaren Dingen und Ereignissen liegt, und vermitteln Menschen mit unverdorbenem Charakter universelle menschliche Werte.
Wie einst dank des Korans Hindernisse zwischen Kontinenten überwunden und dauerhafte Liebe, Achtung und Dialog ermöglicht wurden, so glaube ich fest daran, dass durch die Bemühungen dieser hingebungsvollen Menschen eine neue Grundlage für Verständigung und Versöhnung entsteht – und weiter entstehen wird. Früher kannte die Menschheit unser Volk mit seinem lächelnden Gesicht und seinem glücklichen Geschick. Warum sollte das heute nicht erneut möglich sein? Schon jetzt beginnt fast überall, wo diese Menschen mit ihrem Ideal der Auswanderung hingelangen, ein Strom der Liebe zwischen den Menschen zu fließen. In vielen Gegenden sind Frieden und innere Zuversicht spürbar. Mehr noch: Überall bilden sich Inseln des Friedens, die zu festen Grundlagen von Harmonie und Stabilität werden können.
Wer weiß: Vielleicht werden durch diese selbstlosen Menschen, die ihr Leben dem Wohlergehen anderer gewidmet haben, Herz und Verstand schon bald wieder zueinanderfinden. Gewissen und Vernunft werden einander ergänzen. Physik und Metaphysik werden ihren Streit beenden und sich ihren jeweiligen Bereichen zuwenden. Alles wird Gelegenheit erhalten, die Schönheit seiner eigenen Natur in seiner eigenen Sprache auszudrücken. Das Zusammenspiel der göttlichen Gebote mit den Gesetzen der Schöpfung wird neu entdeckt werden. Die Menschen werden erkennen, wie bedauerlich ihre unnötigen Streitigkeiten waren. Auf Märkten und in Geschäften, in Schulen und Familien wird eine Atmosphäre des Friedens entstehen, wie sie bisher nicht vollständig verwirklicht werden konnte. Niemandes Würde wird angetastet, niemandes Ehre mit Füßen getreten; die Herzen werden von Achtung und Respekt erfüllt sein. Niemand wird begehrliche Blicke auf das Eigentum oder die Ehre eines anderen werfen. Die Starken werden gerecht handeln, und die Schwachen und Schutzbedürftigen werden menschenwürdig leben können. Niemand wird allein aufgrund eines Verdachts festgenommen. Niemandes Haus oder Arbeitsplatz wird angegriffen. Kein unschuldiges Blut wird vergossen und kein unterdrückter Mensch zum Weinen gebracht werden. Alle werden Gott mit Ehrfurcht begegnen und die Menschen lieben. Dann wird diese Welt, die gleichsam ein Vorhof des Paradieses ist, zu einem Ort werden, an dem zu leben eine wahre Freude ist.
M. Fethullah Gülen
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