Der Mensch ist in einer Hinsicht die Essenz des Universums, in einer anderen sowohl sein Same als auch seine Frucht. Wenn das Universum die Makrowelt ist, dann ist der Mensch als deren Abbild eine Mikro- oder Normowelt.[1]
Dieses Wesen des Menschen zeigt sich in zweierlei Hinsicht: zum einen in seiner Beziehung zu sich selbst, zum anderen in seiner Beziehung zur Gesellschaft. In der ersten Hinsicht besitzt der Mensch aus sich heraus Würde. Alles im Universum wurde in seinen Dienst gestellt und für ihn erschaffen. So wurde er auch als Statthalter auf Erden eingesetzt.[2] Daraus folgt, in der Sprache der islamischen Mystik, dass der Mensch sein Leben lang danach streben und sich darum bemühen soll, ein insan-ı kâmil, ein gereifter Mensch, zu werden. Rechtlich ausgedrückt besitzt er das Recht, seine Persönlichkeit erstens zu entfalten und zweitens weiterzuentwickeln; er ist sogar dazu aufgerufen.
Betrachten wir nun seine Beziehung zur Gesellschaft und zum Staat: Wenn der Mensch im Mittelpunkt steht, dann dienen alle Ordnungen, Regeln sowie materiellen und rechtlichen Einrichtungen, die zur Verwaltung einer aus Menschen bestehenden Gesellschaft geschaffen wurden, wiederum dem Menschen und der Verwirklichung seines Lebenszwecks. Daraus ergibt sich zwingend der Grundsatz: Der Staat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Staat. Die Vorstellung, einzelne Menschen könnten „im Interesse des Staates“ geopfert werden, erweist sich damit als falsch. Es ist bekannt, dass in den Blütezeiten unserer Geschichte der Grundsatz „Lass den Menschen leben, damit der Staat lebt“ das Denken unserer Vorfahren prägte.
Das islamische Recht und die islamische Zivilisation haben die Beziehungen zwischen dem Sein, dem Menschen, dem Leben, dem Universum und Gott erläutert. Sie zeigen, dass die Dinge und Ereignisse nicht allein durch Konflikt, Kampf und Unordnung geprägt sind, sondern ebenso durch Harmonie, Ordnung, gegenseitige Hilfe und Solidarität.[3]
Demokratie vom antiken Griechenland bis heute
Demokratie lässt sich kurz als Beteiligung des Volkes an drei Bereichen staatlichen Handelns beschreiben: an der Entscheidungsfindung, an der Umsetzung von Entscheidungen und an der Kontrolle dieser Umsetzung. Aus dem antiken Griechenland ist bekannt, dass bei Angelegenheiten, die eine Stadt betrafen, die Meinung eines Teils ihrer Bevölkerung eingeholt wurde.
Es gibt unterschiedliche Formen demokratischer Praxis, etwa die direkte und die repräsentative Demokratie. Ebenso gibt es verschiedene Deutungen, beispielsweise sozialdemokratische oder liberale Vorstellungen sowie Demokratiekonzepte aus christlicher oder islamischer Perspektive. Ein Blick auf die Geschichte und die politische Praxis zeigt, wie weit diese Vorstellungen mitunter auseinanderliegen. In Weltanschauung und politischer Theorie können sie sogar gegensätzlich sein.
Demokratie ist ein Entwicklungsprozess
Zwischen dem Demokratieverständnis des antiken Griechenlands und dem heutigen liegen große Unterschiede – sowohl in der Praxis als auch im Inhalt. Im antiken Griechenland konnten beispielsweise nur freie Menschen abstimmen. Sie machten lediglich einen kleinen Teil der Bevölkerung aus.
Selbst im vergangenen Jahrhundert hat sich das Verständnis von Demokratie erheblich weiterentwickelt. Die weltweit anerkannten demokratischen Grundsätze werden fortlaufend verbessert und ausgebaut. Dieser Prozess wird, so ist zu hoffen, weiter voranschreiten. Die Abschaffung der Sklaverei, die Anerkennung der Rechte und der gesellschaftlichen Stellung von Frauen sowie die Verabschiedung von Menschenrechtsdokumenten sind Beispiele dafür. Demokratie ist heute auf dem Weg, zu einer gemeinsamen Errungenschaft der Menschheit zu werden.[4]
Was Demokratie heute auszeichnet
Wenn wir heute von Demokratie sprechen, denken wir an eine Gesellschaft, in der die Zivilgesellschaft gut organisiert ist, Menschen als bewusste und verantwortliche Bürgerinnen und Bürger an der Politik teilhaben und staatliches Handeln kontrollieren können. Von den Regierenden wird erwartet, dass sie transparent, offen, rechenschaftspflichtig und ehrlich handeln. Demokratie wird zunehmend auch als eine Haltung verstanden, die in der Familie, in der Schule und am Arbeitsplatz gelebt werden kann. Zu ihren wesentlichen Merkmalen gehören Meinungsvielfalt, Pluralismus, der Schutz der Rechte und Kulturen von Minderheiten sowie die Fähigkeit, unterschiedliche Auffassungen durch Verständigung miteinander zu vereinbaren.
Damit dies möglich ist, braucht es insbesondere Meinungsfreiheit, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit sowie Vereinigungsfreiheit. Dazu gehören auch Kommunikations- und Pressefreiheit, der Zugang zu Informationen, die Möglichkeit, Rechte geltend zu machen, sowie das Recht, Vereine und Gewerkschaften zu gründen.
Ein weiterer Grundsatz, der die Demokratie trägt, ist die Rechtsstaatlichkeit. Dazu gehören die Trennung von Gesetzgebung, Regierung und Rechtsprechung, insbesondere die Unabhängigkeit der Justiz, die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, das Recht auf ein faires Verfahren, die Unschuldsvermutung sowie der Grundsatz, dass es ohne gesetzliche Grundlage weder eine Straftat noch eine Strafe geben darf.
Die Hizmet-Bewegung und die Demokratie
Im Hinblick auf diese Merkmale sieht der Verfasser eine weitgehende Übereinstimmung zwischen islamischer Zivilisation und Demokratie. Dafür führt er insbesondere die Praxis der rechtgeleiteten Kalifen, das Gebot, zum Guten aufzurufen und vom Schlechten abzuhalten, das Prinzip der Beratung (Schūrā) sowie das Verhalten des Propheten Muhammad – Friede und Segen seien auf ihm – im Zusammenhang mit der Schlacht von Uhud an. Auch Grundsätze wie „Wer angesichts von Unrecht schweigt, ist ein stummer Teufel“ werden in diesem Zusammenhang genannt.
Fethullah Gülen betonte seit den 1990er-Jahren, Demokratie sei ein unumkehrbarer Prozess, der sich weiterentwickeln werde.[5] Zwar wurde er damals von manchen, die sich ebenfalls auf den Islam beriefen, für diese Auffassung scharf kritisiert. Er selbst hielt jedoch an seiner Position fest. Wenn ihn Menschen aus verschiedenen Regionen der Welt zu unterschiedlichen Zeiten nach seinem Verständnis von Demokratie und Islam fragten, wiederholte er seine Auffassung mit Nachdruck und Beständigkeit.
In den vergangenen Jahren waren nach Darstellung des Verfassers Angehörige, Unterstützer und Sympathisanten der Hizmet-Bewegung schweren Repressionen, Benachteiligungen, Rechtsverletzungen und rechtswidrigen Maßnahmen ausgesetzt. Dies habe auch ihre Ehepartner, Kinder, Verwandten und nahestehenden Menschen betroffen, selbst wenn diese keinen Bezug zur Bewegung hatten. Dennoch hätten sie keinen Anlass zu gesetzwidrigen Handlungen gegeben. Sie bemühten sich, das Erlebte zu verarbeiten und zugleich gegenüber Provokationen und Fallen wachsam zu bleiben, die nach ihrer Wahrnehmung von Gegnern der Bewegung ausgingen.
Gülen empfahl den Menschen, die seinen Gedanken folgen, von Anfang an, angesichts von Unterdrückung und Unrecht niemals Gewalt anzuwenden. Stattdessen sollten sie „aktive Geduld“ zeigen und ihre Rechte auf legalem Wege, im Rahmen von Recht und Gerechtigkeit, verfolgen. Nach der Lehre, die er aufnahm, durchdachte und seinen Anhängern vermittelte, soll sich der Mensch auf dem Weg zu persönlicher Reife an sechs Grundsätzen orientieren: am Bewusstsein der eigenen Begrenztheit (acz), der eigenen Bedürftigkeit (fakr), an Begeisterung (şevk), Dankbarkeit (şükür), Mitgefühl (şefkat) und Nachdenken (tefekkür).[6]
Auch der Satz „Als Gläubige können wir getäuscht werden, aber wir täuschen niemals andere“ soll das Handeln prägen. Wer sich den Werten der Hizmet-Bewegung verbunden fühlt, soll zudem den Grundsatz des müspet hareket, des konstruktiven Handelns, in seinem Leben verwirklichen,[7] zur öffentlichen Ordnung beitragen und sie nicht stören. Ein gläubiger Mensch soll in dem Bewusstsein leben, dass Gott ihn stets sieht, ihm näher ist als seine Halsschlagader und er Ihm gegenüber Rechenschaft über sein Leben ablegen wird. Ausführlichere Darstellungen dieser hier nur zusammengefassten Lehre finden sich vor allem in Gülens Werken und Gesprächen[8] sowie in Veröffentlichungen von Organisationen aus dem Umfeld der Bewegung, beispielsweise der Alliance for Shared Values (AfSV).[9]
Die Freiwilligen der Hizmet-Bewegung kommen aus unterschiedlichen Teilen und Schichten der Gesellschaft. Nach Auffassung des Verfassers richten sie sich an diesen Empfehlungen aus. Obwohl sie über die ganze Welt verteilt sind und mit Unterschieden, Schwierigkeiten und Unrecht umgehen müssen, setzen sie sich weiterhin für Recht, Gerechtigkeit und das Gute ein.
Dort, wo Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gelten, gehen Angehörige und Unterstützer dieser Freiwilligenbewegung nach Darstellung des Verfassers ihren Weg ohne Gewalt und Konflikte weiter. Sie bemühen sich, sich in die Gesellschaften, in denen sie leben, einzufügen und gemeinsame menschliche Werte zu stärken.
Fußnoten
[1] Gülen, M. Fethullah: „İnsan Muamması“, in: Tekmile (Kalbin Zümrüt Tepeleri), Çağlayan, November 2018.
[2] Koran, Sure al-Baqara 2:30.
[3] Nursî, Bediüzzaman Said: Sözler, Zwölftes Wort; Dreizehntes Wort, Erster Abschnitt; Dreißigstes Wort, Erstes Ziel. Siehe auch: Ünal, Ali: Risale-i Nur’da Küllî Kaideler-1, Istanbul: Şahdamar Yayınları, 2008, S. 594 ff.
[4] Gülen, M. Fethullah: Interview mit der Zeitung Şarkü’l-Avsat vom 24. März 2014: „İslam’da devlet değil toplum önemlidir“.
[5] Mercan, Faruk: Demokrasiden Geriye Dönüş Yok: Dünden Bugüne Fethullah Gülen’in Düşünce İstikameti, Blue Dome, New Jersey 2016, S. 129 ff. und 245.
[6] Nursî, Bediüzzaman Said: Sözler, Istanbul: Şahdamar Yayınları, 2010, S. 518; Mektubat, S. 17.
[7] Aymaz, Abdullah / Nursî, Bediüzzaman Said: Emirdağ Lahikası Üzerine, Istanbul: Şahdamar Yayınları, 2007, 62. Brief, S. 177–183.
[8] fgulen.com/tr und herkul.org.
Aytekin Garib
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