Frieden, Gerechtigkeit, gegenseitiger Respekt und ein konstruktiver Umgang mit Konflikten gehören zu den grundlegenden Prinzipien eines harmonischen gesellschaftlichen Zusammenlebens. Der Islam ruft den Menschen dazu auf, selbst angesichts von Unrecht die Grenzen der Gerechtigkeit nicht zu überschreiten und – wo immer es möglich ist – Versöhnung, Vergebung und Frieden anzustreben.
Im Koran heißt es:
„Und diejenigen, die sich wehren, wenn ihnen Unrecht widerfährt. Die Vergeltung für eine schlechte Tat soll ein Übel gleichen Ausmaßes sein. Wer aber vergibt und Versöhnung schafft, dessen Lohn liegt bei Allah. Wahrlich, Er liebt die Ungerechten nicht.“
(Koran, 42:39–40)
Auch ein bekanntes prophetisches Prinzip bringt diese Haltung prägnant zum Ausdruck:
„Es darf weder Schaden zugefügt noch Schaden mit Schaden vergolten werden.“
(Ibn Māǧa, 2340)
Diese Grundhaltung lässt sich mit dem Begriff „positives und konstruktives Handeln“ (müspet hareket) beschreiben.
Was bedeutet „müspet hareket“?
„Müspet hareket“ bedeutet, konstruktiv, aufbauend, friedlich und lösungsorientiert zu handeln. Es geht darum, nicht das Trennende, sondern das Verbindende in den Mittelpunkt zu stellen und gesellschaftliche Probleme nicht durch Feindschaft und Konfrontation, sondern durch Dialog, Vernunft und gemeinsames Handeln zu lösen.
Positives Handeln steht für Frieden, Freundschaft, Geschwisterlichkeit, Verständigung, gegenseitige Hilfe und Aufbau.
Sein Gegenteil zeigt sich in Feindschaft, Streit, Konflikt, Gewalt, Polarisierung und Zerstörung.
Damit das individuelle und gesellschaftliche Leben von Frieden geprägt werden kann, braucht es Menschen, die bewusst auf Handlungen und Worte verzichten, welche Konflikte verschärfen oder gesellschaftliche Spannungen fördern.
Selbst außergewöhnliche Ideen und Fähigkeiten können der Gesellschaft nur dann dauerhaft dienen, wenn Menschen in der Lage sind, miteinander in einen respektvollen Dialog zu treten. Ein wesentliches Merkmal des positiven Handelns ist daher die Bereitschaft, mit der Gesellschaft in Frieden zu leben und trotz unterschiedlicher Überzeugungen gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.
Unterschiede als Bereicherung verstehen
Ein gläubiger Mensch sollte die eigene Überzeugung und den eigenen Weg lieben können, ohne daraus Feindschaft gegenüber anderen entstehen zu lassen.
Unterschiede in Religion, Kultur, Herkunft oder Weltanschauung müssen nicht zwangsläufig zu Trennung führen. Sie können vielmehr eine Bereicherung für das gesellschaftliche Zusammenleben darstellen.
Die Haltung,
„Jeden Menschen in seiner eigenen Position anzunehmen“
und bildlich gesprochen
„für jeden Menschen einen Stuhl in unserem Herzen zu haben“
kann dabei zu einem wichtigen Wegweiser werden.
Der Koran erinnert die Menschen immer wieder daran, Gerechtigkeit, Frieden und Güte zu Maßstäben ihres individuellen und gesellschaftlichen Handelns zu machen.
Die Goldene Regel des Zusammenlebens
Ein Grundsatz, der heute häufig als „Goldene Regel“ bezeichnet wird, wurde vom Propheten Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) in bemerkenswerter Klarheit formuliert:
„Wer vor dem Höllenfeuer bewahrt und ins Paradies aufgenommen werden möchte, soll sterben, während er an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, und er soll die Menschen so behandeln, wie er selbst von ihnen behandelt werden möchte.“
(Muslim, Imāra, 46)
Dieser Grundsatz macht deutlich: Nachhaltiger gesellschaftlicher Frieden entsteht dort, wo Menschen einander mit Gerechtigkeit, Empathie und guten Absichten begegnen.
Dabei geht es nicht nur um die Vermeidung von Konflikten. Vielmehr ist jeder Einzelne dazu aufgerufen, aktiv zum Wohl seiner Mitmenschen und der Gesellschaft beizutragen.
Verantwortung für Mensch und Umwelt
Positives Handeln beschränkt sich nicht auf zwischenmenschliche Beziehungen.
Unsere Gesellschaft und die gesamte Menschheit stehen vor gemeinsamen Herausforderungen. Umweltzerstörung, soziale Ungerechtigkeit, Einsamkeit, Armut, gesellschaftliche Polarisierung und zahlreiche weitere Probleme können langfristig nur durch Zusammenarbeit gelöst werden.
Dafür müssen universelle menschliche Werte im Alltag sichtbar werden. Ebenso braucht es einen offenen Austausch darüber, wie wir die Natur schützen, Verantwortung für kommende Generationen übernehmen und unsere gemeinsame Welt lebenswerter gestalten können.
Ein friedliches Zusammenleben ist somit nicht allein ein Ideal. Es ist eine gemeinsame Aufgabe.
Frieden und Gerechtigkeit in der islamischen Tradition
Frieden, Gerechtigkeit und gesellschaftliches Zusammenleben gehören zu den Themen, mit denen sich muslimische Gelehrte über Jahrhunderte intensiv beschäftigt haben.
In dem bekannten Schreiben, das ʿAlī ibn Abī Tālib seinem Gouverneur in Ägypten zugeschrieben wird, findet sich der bemerkenswerte Gedanke:
„Die Menschen sind entweder deine Geschwister im Glauben oder dir gleich in der Schöpfung.“
Damit verbunden ist die Aufforderung, Menschen mit Barmherzigkeit und Nachsicht zu begegnen.
(Nahǧ al-Balāġa, Brief 53)
Auch Imam al-Ghazālī (gest. 1111) betonte die Bedeutung eines guten Umgangs mit den Mitmenschen. Er empfiehlt, sowohl Freunden als auch Gegnern freundlich zu begegnen, Bescheidenheit mit Würde zu verbinden und Extreme zu vermeiden.
Diese Haltung zeigt: Friedliches Zusammenleben bedeutet nicht, dass alle Menschen dieselben Überzeugungen besitzen müssen. Entscheidend ist vielmehr, wie wir mit unseren Unterschieden umgehen.
Liebe statt Feindschaft
Auch Mevlânâ Dschalāl ad-Dīn Rūmī (gest. 1273) stellte die Liebe in den Mittelpunkt menschlicher Beziehungen. Eine Haltung der Toleranz und Offenheit kann dauerhaft nur dort entstehen, wo im Herzen Raum für Liebe und Mitgefühl vorhanden ist.
Ähnliche Gedanken finden wir bei Yunus Emre, dessen Worte bis heute für Geduld, Selbstbeherrschung und einen friedlichen Umgang mit anderen Menschen stehen.
Diese Tradition erinnert uns daran, dass Frieden nicht zuerst in politischen Vereinbarungen oder gesellschaftlichen Institutionen beginnt.
Frieden beginnt im Menschen selbst.
Er beginnt mit unserer Sprache, unserem Verhalten, unserer Fähigkeit zuzuhören und unserer Bereitschaft, auch demjenigen mit Würde zu begegnen, der anders denkt als wir.
Sechs Grundprinzipien positiven Handelns
1. Ein Mensch der Liebe sein
Eine friedliche und lebenswerte Zukunft kann nur von Menschen aufgebaut werden, die Liebe stärker werden lassen als Hass und Feindschaft.
Liebe verbindet Menschen, baut Vorurteile ab und schafft Vertrauen. Deshalb gehört die bewusste Entscheidung für Liebe und Mitgefühl zu den wichtigsten Grundlagen konstruktiven Handelns.
2. Für andere leben und Opferbereitschaft zeigen
Positives Handeln bedeutet auch, nicht ausschließlich den eigenen Vorteil zu suchen.
Der Mensch trägt Verantwortung für seine Familie, seine Nachbarschaft, seine Gesellschaft und letztlich für die gesamte Menschheit. Dazu gehört die Bereitschaft, eigene Möglichkeiten, Zeit und Fähigkeiten für andere einzusetzen.
Diese Haltung entspricht dem islamischen Gedanken des Īthār – andere trotz eigener Bedürfnisse zu bevorzugen und für sie Opfer zu bringen.
3. Eine respektvolle und sanfte Sprache verwenden
Worte können Brücken bauen, aber auch tiefe Gräben schaffen.
Deshalb ist ein respektvoller Sprachstil von entscheidender Bedeutung. Was wir sagen, wie wir es sagen und in welchem Zusammenhang wir es sagen, kann über Verständigung oder Konflikt entscheiden.
Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung brauchen wir eine Sprache, die nicht verletzt oder provoziert, sondern erklärt, verbindet und Verständigung ermöglicht.
4. Andere Menschen in ihrer Position respektieren
Alle Menschen gehören zur Menschheitsfamilie.
Unterschiedliche Religionen, Kulturen und Weltanschauungen dürfen uns nicht daran hindern, die Würde des anderen Menschen anzuerkennen.
Respekt bedeutet dabei nicht zwangsläufig Zustimmung. Wir können unterschiedliche Überzeugungen vertreten und dennoch respektvoll miteinander leben.
5. Egoismus und Überlegenheitsdenken überwinden
Frieden und Verständigung werden schwierig, wenn Menschen oder Gruppen sich grundsätzlich als überlegen betrachten.
Deshalb verlangt konstruktives Handeln die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen, die Perspektive anderer Menschen wahrzunehmen und Empathie zu entwickeln.
Der Prophet Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) sagte:
„Keiner von euch glaubt vollkommen, solange er für seinen Bruder nicht das wünscht, was er für sich selbst wünscht.“
Empathie ist damit nicht nur eine gesellschaftliche Tugend, sondern auch Bestandteil einer verantwortungsvollen Glaubenshaltung.
6. Gewalt und radikale Sprache ablehnen
Ein besonders wichtiger Bestandteil positiven Handelns ist die klare Distanz zu Gewalt sowie zu radikalen und polarisierenden Ausdrucks- und Handlungsweisen.
Der Koran erklärt:
„Versöhnung ist besser.“
(Koran, 4:128)
Und selbst in Situationen eines offenen Konflikts heißt es:
„Wenn sie sich dem Frieden zuneigen, dann neige auch du dich ihm zu und vertraue auf Allah.“
(Koran, 8:61)
Diese Haltung macht deutlich, dass Frieden nicht als Schwäche verstanden werden sollte. Die Suche nach friedlichen Lösungen verlangt vielmehr Geduld, Selbstbeherrschung, Vernunft und Verantwortungsbewusstsein.
Gemeinsam eine Kultur des Friedens aufbauen
Unsere Gesellschaften werden zunehmend vielfältiger. Menschen unterschiedlicher Religionen, Sprachen, Kulturen und Lebensgeschichten leben miteinander.
Diese Vielfalt kann zu Spannungen führen – sie kann aber ebenso eine große Chance sein.
Entscheidend ist, welche Haltung wir wählen.
Wenn wir Liebe statt Feindschaft, Dialog statt Konfrontation, Empathie statt Egoismus, Gerechtigkeit statt Willkür und Aufbau statt Zerstörung wählen, können Unterschiede zu einer Quelle gegenseitiger Bereicherung werden.
Der Islam ruft dazu auf, Menschen unabhängig von Sprache, Herkunft oder gesellschaftlicher Zugehörigkeit mit Würde und Gerechtigkeit zu begegnen.
Positives und konstruktives Handeln bedeutet deshalb letztlich, Verantwortung für den Frieden zu übernehmen – im eigenen Herzen, in der Familie, in unserer Nachbarschaft und in der gesamten Gesellschaft.
Möge Gott uns die Kraft geben, mit Liebe und konstruktivem Handeln Brücken zwischen Menschen zu bauen und zu einer Welt beizutragen, in der Frieden, Gerechtigkeit, gegenseitiger Respekt und Menschlichkeit stärker sind als Hass und Konflikt.
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